Der ideale Berater

Die Reise nach Bern - Nach dem Techniker-Ansatz

Ein Zürcher Geschäftsmann muss für einen wichtigen Termin nach Bern. Er ruft kurzerhand das Projekt "Reise nach Bern" ins Leben und beauftragt seine Technische Abteilung, ein geeignetes Transportmittel zur Verfügung zu stellen. Als einzige Rahmenbedingungen gibt er das Datum seiner Reise und ein Kostenbudget vor.

Voller Elan machen sich die Ingenieure an die Arbeit. Feature-Listen unzähliger Automodelle werden aus dem WWW heruntergeladen und akribisch miteinander verglichen. Es folgen Testfahrten bei nahegelegenen Autohändlern. Angeregte Diskussionen über technische Feinheiten mit den jeweils anwesenden Mechanikern inklusive. Schliesslich soll nichts dem Zufall überlassen werden.

Kurz darauf das klare Verdikt: Das geeignete Auto gibt es so nicht zu kaufen. Stattdessen müssen zunächst umfangreiche Eigenentwicklungen realisiert und danach in ein Auto ab Stange integriert werden. Eine entsprechende Budgeterhöhung ist schnell durch: Der Auftraggeber kann den hochtechnischen Begründungen seiner Leute nicht folgen, er braucht das Auto unbedingt und die beantragte Kostenüberschreitung ist einigermassen vertretbar.

Dank unzähliger Nachtschichten wird alles termingerecht auf die Probefahrt drei Tage vor der Berner Reise fertig. Unser Geschäftsmann ist mehr als beeindruckt von dem, was ihm seine Ingenieure in der Werkstatt vorführen. Der Wagen ist zwar nicht eben eine Augenweide, aber schnell wie ein Formel 1-Bolide. Kräftig wie ein Traktor. Und fährt - dank ausgeklügelter Elektronik zu 98.72% vollautomatisch. Schnell ist klar: Dieses Gefährt ist ein Meilenstein in der Firmengeschichte. Ein strategischer Wettbewerbsvorteil allererster Güte. In aufgeräumter Stimmung wird also die Probefahrt unter die Räder genommen. Und geht nach sieben Kilometern jäh zu Ende, weil das Benzin aus ist. Nach Aussage des verantwortlichen Ingenieurs musste der Tank zugunsten der Steuerelektronik "geringfügig verkleinert" werden.

Nach einem heftigen Donnerwetter des Chefs wird emsig Ursachenforschung für das Fiasko betrieben. Doch glücklicherweise ist der wahre Schuldige schnell und zweifelsfrei identifiziert: Es ist der Steuerelektronik-Lieferant, welcher "völlig unbrauchbare, weil zu grosse Komponenten" geliefert hatte.


Fazit?

Projekte, die nach dem Techniker-Ansatz durchgeführt werden, haben eine hohe Wahrscheinlichkeit schief zu gehen. Nicht weil Techniker schlechte Arbeit liefern, sondern weil es oft an klaren Zielvorgaben fehlt. Und an der ständigen Kommunikation zwischen Auftraggeber und Ausführenden, ohne die es glückliche Zufälle im Multipack braucht, damit ein entwickeltes System auch nur annähernd praxistauglich in Betrieb genommen werden kann.

Alles längst bekannt? Sicher. Und doch wird auch im Jahr 2005 ein erheblicher Anteil der IT-Projekte in der Schweiz genau nach diesem Ansatz abgewickelt. Und dies umso häufiger, je moderner die eingesetzten Technologien sind.

Business Intelligence (BI), Directories, Enterprise Application Integration (EAI), Customer Relationship Management (CRM), Voice over IP (VoIP), Knowledge Management (KM) etcetera pp. Lauter Themen, bei denen wir von Projekten wissen, an welchen Techniker mit losen Vorgaben von oben und in bester Absicht aus eigener Initiative arbeiten. Bis irgendwann ein Manager in ihrem Labor steht und die Sache voller Begeisterung zum strategischen Wettbewerbsvorteil erklärt. Danach auf Probefahrt geht und - na ja, den Rest kennen Sie…